Aller Ende Anfang, Studiobühne Bayreuth

Alexander Dick, Nordbayerischer Kurier, 22. Nov 1994

Liebesspiele? Machtspiele? Zwei Einakter von Schnitzler und Tschechow an der Studiobühne Bayreuth

Wer Wien schon einmal um diese triste Jahreszeit gesehen hat, möglicherweise noch über das zauber(berg)hafte Gelände der Klinik am Steinhof mit ihren Jugendstilbauten gepilgert ist, der wird sie kennen, jene Stimmung der Melancholie, der Todessehnsucht, der Gebrechlichkeit des Geistes. Das morbide Fin de siècle, es hat sich dort erhalten. Genau um diese Zeit hatte der Wiener Arzt Arthur Schnitzler sein „Abschiedssouper“ verfasst.  Sollte es Zufall sein, dass Regisseurin Birgit Eckenweber fast exakt dieses Datum für die erste Saisonpremiere an der Studiobühne mit diesem Einakter Schnitzlers und der Burleske „Der Bär“ von Tschechow gewählt hat – es ist ein schöner. Ebenso wie der implantierte Titel das Innerste der beiden Stücke, scheinbar so willkürlich zusammengeschweißt, so treffend verrät: „Aller Ende Anfang“. Ist’s Euphemismus oder Agonie?

Wohl von beidem etwas. Denn sowohl Schnitzler wie auch Tschechow stellen mit ihren Komödien der Zeit eine Diagnose aus, der Wiener mehr ästhetisierend, der Russe eher naturalistisch. Beides aber sind lediglich Zustandsbeschreibungen, aus der Distanz des Diagnostizierenden heraus verfasst, die denselben Schluss zulassen: Wenn die Zeit krank ist, sind es die Menschen auch. Oder sie wollen es sein. Was haben jener Anatol im mondänen Wien und jene Jelena Iwanowa Popowa im ländlichen Russland gemein? Ihre Hypochondrie. Beide sind Scheinkranke der Liebe, zerbrechlich, verwundbar, und beide finden auf ihre ganz unterschiedliche Art eine Erfüllung. Die wohl nicht von großer Dauer sein wird, wie sich argwöhnend anmerken ließe. Genug also für einen abendüberspannenden Bogen.

Szenisch lässt sich dieser mit ganz einfachen Mitteln herstellen. Corina Rudels Raum schafft mit ganz wenigen Accessoires Atmosphäre: ein Tisch, vier Stühle, eine Tür. Bei Schnitzler sind die Wände rubinrot, bei Tschechow kahl. Gewiss, „Ein Cabinet particulier bei Sacher“ verlangt Schnitzler in seiner Regieanweisung. Wer weiß indes, ob Gründerzeitschnörkel als scheinbar obligate Äußerlichkeiten eine solche Dichte und Spannung zwischen Szenario und Spiel ebenso getragen hätten? Schließlich geben auch Christiane Wolfs Kostüme mit ihren Farbspielen dem Zuschauer Raum für Fantasie.

Es gibt noch einen weiteren kleinen Kunstgriff, mit dem die Regie die Verwandtschaft der Stücke „besiegelt“: das nahezu allgegenwärtige Dienerpaar Luká (Oliver Proebst) und Daschenká Tina Reuth), das in dieser Form in keinem der beiden Einakter vorkommt. Schnitzler spricht lediglich von einem „Kellner“, Tschechow vom Lakai Luká. Eckenweber adelt mit ihrem Kunstgriff diese Rollen vom Chargenstand in den der Bedeutungsträger und zieht das „Dienerpaar“ gleichzeitig noch mehr aus dem Geschehen. Paradox? Nein. Denn das subtile Spiel der beiden Dienstboten findet nunmehr auf einer anderen, weniger realen Ebene statt. Sie beide sind einmal – zumeist stille – Kommentatoren des Geschehens, dann wieder fast so etwas wie Allegorien der Liebe, und schließlich satyrhafte Figuren, die das Burleske verstärken und auf die Spitze treiben. Ihnen beiden gehört der (leicht gekürzte) Prolog zum „Anatol“, verfasst von Schnitzlers Freund Hofmannsthal, ihnen obliegt es in die Welt des Fin de siècle zu entführen: „Also spielen wir Theater“. Und sie beide tun es mit Charme und Augenzwinkern, zu den Klängen eines zerbrechlichen Salonwalzers aus der Feder Hans Martin Gräbners. Nun eilt herbei, Spiel, Witz, heitere Laune – Oliver Proebst und Tina Reuth sind ihre Zeremonienmeister.

Ihre Interpreten sind die beiden Hauptfiguren, verkörpert von Marieluise Müller und Ralf Berghofer. Da ist er, Anatol, der Mann von Welt, Schöngeist, Lebemann und Schwerenöter zugleich. Berghofer spielt diese Figur mit deutlich autobiografischen Zügen des jungen Schnitzlers con eleganza. Ein Herr der besseren Gesellschaft, der nicht spricht, sondern Konversation pflegt, unterkühlt wienerisch, vortrefflich. Für den Contenance zu den wichtigsten Spielregeln gehört, und der sie dann so herrlich verliert, wenn das Spiel nicht so verläuft, wie er es sich vorstellt. Christian Sarnowski spielt den Max, Schnitzlers anderes Ego, distanziert, mit packendem Augenspiel, wie einen Zuschauer, der ein bisschen am Geschehen teilhaben darf. Und dann kommt sie, Annie. Die Dreiviertelweltdame aus der Vorstadt, die es bis zum Theater gebracht hat. Marieluise Müller spielt sie so schnitzlerisch, wie man es sich nur vorstellen kann, als kleinbürgerliche Kokotte, die es gelernt hat, sich aushalten zu lassen, und die nun plötzlich – spät – ihr kleines Glück entdeckt. Und an deren Stelle schnell ein anderes, jüngeres süßes Mädel rücken wird: ein Reigen der Beziehungen. Bald ist Annie die Verführerische, dann die Ordinäre, gleich wieder die Berechnende und schließlich – unter Alkoholeinfluss – sie selbst. Die Gratwanderung zwischen Komik, Melancholie und Verzweiflung, Müller beschreitet sie souverän.

Ganz anders im „Bären“. Da mimt sie das trauernde „Burgfräulein“, das mit der Welt scheinbar abgeschlossen hat und sich dennoch zur Heldin emporschwingt. Und Ralf Berghofer ist der Bär. Der tapsige Gutsbesitzer aus Hinterrussland, der auf sein Recht pocht, Frauen verachtet und sich schlagartig verliebt, als er erfährt, dass sein scheinbar so affektiertes, typisch weibliches Gegenüber wie ein Mann sein kann.

Eindrucksvoll visualisiert die Regie diese Spannung: Wenn Smirnow auftritt, steht er auf dem Tisch, mit schmutzigen Stiefeln, gekleidet wie ein Wolgaschlepper. Am Ende wäre er bereit, alles zu tun für seine Eroberung, die nicht er, sondern die ihn erobert hat.

Eckenwebers Inszenierung will in beiden Stücken eines demonstrieren: Dass die Liebesspiele der vier Hypochonder auch oder vor allem Machtspiele sind. Der ewige Kampf der Geschlechter. Vielleicht reagiert ihr Anatol zuweilen etwas zu grob, ja sadistisch. Ist er nicht vielmehr ein Masochist? Und vielleicht könnte die Polarisierung im „Bären“ am Anfang noch größer sein: der Brutalo-Macho und die Lamoyante. Aber eines wird beide Male deutlich: die Fassaden sind sehr zerbrechlich. Und damit sind Schnitzler und Tschechow nicht sehr weit von der Gegenwart entfernt. Aller Ende Anfang? Möglich, doch das Ende ist ja so fern ….